Wiesbaden at its finest
Es gibt Städte, die man besichtigt, und Städte, in denen man ankommt. Wiesbaden gehört zur zweiten Sorte. Seit zweitausend Jahren steigt hier heißes Wasser aus dem Boden, und alles, was die Stadt geworden ist, hat damit begonnen: das römische Bad, die Kur, die Grandhotels, der Kaiser, die Spielbank, die Villen an den Hängen des Taunus. Was davon geblieben ist, ist erstaunlich viel. Wiesbaden hat den Krieg weitgehend unversehrt überstanden und besitzt heute eines der größten zusammenhängenden Stadtbilder des Historismus in Deutschland. Wer durch die Straßen geht, geht durch das neunzehnte Jahrhundert, ohne dass es museal wäre. Man muss nur wissen, wohin man schaut.

Das Wasser
Sechsundzwanzig heiße Quellen liegen unter der Stadt, fünf davon sind Hauptquellen. Die heißeste, der Kochbrunnen, kommt mit über sechsundsechzig Grad aus der Erde, riecht nach Schwefel und schmeckt nach Salz, und man kann ihn trinken, wie es Kurgäste seit Jahrhunderten getan haben. Schon Plinius der Ältere erwähnte die heißen Quellen der Mattiaker, und die Römer nannten den Ort Aquae Mattiacorum. Über dem Portal des Kurhauses steht der Name bis heute in Stein: Aquis Mattiacis. Alles andere in dieser Stadt ist später gekommen.
Der Kaiser
Wilhelm II. hatte viele Residenzen und eine Lieblingsstadt. Fast jedes Jahr im Mai kam der Kaiser nach Wiesbaden, zu den Kaiserfestspielen, die er selbst ins Leben gerufen hatte, und der Hof, die Diplomatie und die Gesellschaft Europas kamen mit. In diesen Jahren wurde aus dem Kurort die Weltkurstadt. Als 1907 das neue Kurhaus eröffnet wurde, soll der Kaiser es das schönste der Welt genannt haben. Man kann heute davor stehen und findet keinen Grund, ihm zu widersprechen.
Der Spieler
Im Sommer 1865 kam ein russischer Schriftsteller nach Wiesbaden, mit wenig Geld und großen Hoffnungen auf das Roulette. Er verlor alles. Fjodor Dostojewski schrieb ein Jahr später in wenigen Wochen den Roman „Der Spieler“, und die Stadt, die er darin Roulettenburg nennt, trägt unverkennbar Wiesbadener Züge. Die Spielbank öffnete 1810 im ersten Kurhaus; heute wird im früheren Weinsaal des Nordflügels gespielt, unter Kronleuchtern. Nur die Wiesbadener selbst mussten lange zusehen: Bis 1986 war es ihnen verboten, im eigenen Casino zu spielen.
Die Kirche auf dem Berg
Elisabeth Michailowna war eine Nichte der Zaren Alexander I. und Nikolaus I. Im Januar 1844 heiratete sie in Sankt Petersburg Herzog Adolf von Nassau, kaum ein Jahr später starb sie mit achtzehn Jahren bei der Geburt ihres ersten Kindes. Der Herzog ließ ihr auf dem Neroberg eine Kirche bauen, mit fünf goldenen Kuppeln, an einer Stelle, die er so wählte, dass er sie von seiner Residenz aus sehen konnte. Bezahlt wurde sie aus ihrer Mitgift. Die Russische Kirche steht dort seit 1855, und wer von der Stadt nach oben schaut, sieht zuerst ihr Gold.

Die Bahn, die mit Wasser fährt
Seit 1888 fährt die Nerobergbahn vom Nerotal auf den Berg, ohne Motor und ohne Strom. Der obere Wagen füllt seinen Tank mit Wasser, wird dadurch schwerer als der untere und zieht ihn am Seil nach oben; unten lässt er das Wasser wieder ab. Das ist alles. Eine der letzten wasserbetriebenen Standseilbahnen der Welt, gelb lackiert, und nach wenigen Minuten steht man oben zwischen Monopteros, Opelbad und dem Blick über die ganze Stadt bis zum Rhein.
Die Rue
Die Wilhelmstraße nennen die Wiesbadener die Rue, und der Name sagt, woran sie gemessen wurde: an Paris. Auf der einen Seite der Park am Warmen Damm, auf der anderen die Fassaden der Grandhotels, und am unteren Ende liegt heute die Museumsmeile. Hier promenierte im neunzehnten Jahrhundert, wer in Europa Rang und Namen hatte, und wenn man die Stadt das Nizza des Nordens nannte, war das keine Übertreibung, sondern eine Ortsangabe der Gesellschaft. Man geht heute noch so über diese Straße, als wäre man dafür angezogen.
Sinfonie und Farbe
Johannes Brahms verbrachte den Sommer 1883 in Wiesbaden und schrieb hier, in einem Haus in der Geisbergstraße, seine Dritte Sinfonie. Fast vierzig Jahre später zog Alexej von Jawlensky in die Stadt, malte hier seine Meditationen und blieb bis zu seinem Tod 1941; begraben liegt er auf dem russischen Friedhof neben der Kirche auf dem Neroberg. Goethe war schon 1814 zur Kur hier gewesen. Wiesbaden hat nie viel Aufhebens um seine Gäste gemacht. Es hat sie einfach gehabt.

Am Ende der Rhein
Wo die Stadt aufhört, beginnt der Rheingau, und die Grenze ist fließend. In Biebrich steht das barocke Residenzschloss der Herzöge von Nassau mit den Füßen im Rhein, in Frauenstein wächst Riesling an den Hängen, und in der Kellerei Henkell wird seit über einem Jahrhundert Sekt gemacht. Wer in Wiesbaden ein Glas hebt, hebt es fast immer auf die Landschaft, aus der es kommt.

Über mich
- Gästeführerin der Landeshauptstadt Wiesbaden
- Mitglied im Gästeführerverband Wiesbaden e. V.
- Qualifizierte Gästeführerin nach BVGD
